Beim Verlassen von Los Angeles in östliche Richtung auf dem
Weg zu Palm Springs kommt man zwangsläufig an einem Feld mit Windrädern
vorbei. Vom Highway aus auf der rechten Seite erstreckt sich über mehrere
Hügel die derzeit größte Windkraftanlage der Welt.
Bei unserem ersten Besuch 1993 haben wir vom Highway aus versucht, Fotos dieser
Anlage einzufangen. Während ich mit Gasgeben und Lenken beschäftigt war, versuchte
die kleine Anita in dem viel zu großen Mustang zwischen Armaturenbrett,
Sonnenblende und Seitenspiegel die Eindrücke auf dem Film festzuhalten.
Nach der Entwicklung der Filme konnten wir sehen, dass die Autoscheiben
getönt und das Armaturenbrett staubig waren. Die Scheibenwischer schienen auch
noch recht neu zu sein- zumindest sah es auf den Bildern so aus.
Ach ja, das Windkraftwerk. Von dem sah man relativ wenig, es schien sich am
Horizont zwischen die Sonnenblende und und dem Seitenspiegel zu quetschen. Zur
Ehrenrettung von Anita sei gesagt, es waren widrige Umstände: Alles musste
innerhalb weniger Sekunden passieren und unsere kompakte Kamera "für die
Schnelle" hatte kein angemessenes Objektiv.
Obwohl wir in den darauffolgenden Jahren noch mehrere Male in der Nähe von Los
Angeles waren, hat es einige Jahre gedauert, bis wir wieder diese Strecke
befuhren. In Erinnerung, diesmal gute Fotos zu machen, verließen wir in
der Nähe der Anlage die Interstate und versuchten möglichst nah an die Anlage
heranzukommen. Das erwies sich als schwierig, weil man von den regulären
Straßen kaum nah hingelangte. Irgendwann stießen wir während unserer Fotojagd
auf ein kleines verschlafenes Nest. Auf einer verlassenen Nebenstraße hielt ich in der Nähe
einiger heruntergekommener Häuser an und stieg aus. Unerwartet kam plötzlich
eine farbige Frau amerikanischen Ausmaßes langsam aber zielstrebig auf uns zu.
"Big Mama", wie man sie aus amerikanischen Ghetto-Filmen her kennt.
Anita mahnte mich aufgeregt, sofort wieder ins Auto zu steigen und loszufahren.
Aber in meiner Brust schlugen zwei Herzen: Das eine, das jetzt und hier
unbedingt Fotos machen wollte, das andere, das mit jedem Schritt von "Big
Mama" schneller und fester schlug. Ich hatte immer noch im Hinterkopf, im
Notfall schnellstens in den Wagen zu springen und mit quietschenden Reifen das
Areal zu verlassen. (Das kennen wir ja aus den amerikanischen Filmen zu genüge:
Quietschende Reifen, aufheulende Motoren, rasante Wagen, die eingehüllt im
Rauch des verbrennenden Reifenprofils durch die Straßen jagen) Je näher Big
Mama kam, desto weniger Zeit blieb uns für all unsere Fluchtpläne. Irgendwann
erreichte sie uns: Zum Fliehen war es zu spät, sich irgendwie zu bewaffnen
schied auch aus; was blieb war die Spannung, was nun folgen würde:
Big Mama holte tief Luft (und davon konnte sie viel holen!) und wies uns darauf
hin, dass wir weiterfahren sollten (womit wir schon gerechnet hatten), weil wir
noch etwa zwei Meilen links einen hervorragenden Blick auf die Anlage
hätten und ganz nah ran gehen könnten.
Wir glaubten kaum unseren Ohren zu trauen und fuhren mit großer Erleichterung
und einem breiten Grinsen im Gesicht die Straße weiter.
"Thanks, Big Mama! It was a great view!"